
Meine Nacht unterhalb des Col de Izoard verlief ruhig. Interessanterweise kamen aber schon ab 8.30 die ersten singenden Rennradfahrer oben vom Col runtergebraust. Ich frag mich, wo die so früh herkamen….Auch für mich ging es jetzt wieder 1400 m runter Richtung Guillestre. Die Landschaft ist, wie oben zu sehen, mal wieder recht wild. Genau wegen sowas bin ich ja auch in den Alpen unterwegs. Die Pyrenäen im letzten Jahr waren mir da doch etwas „zahm“….

Hier die berühmte, auch aus Tour de France-Übertragungen bekannte Casse Desserte – also eine wüstenähnliche Gerölllandschaft unterhalb des Izoards. Hier hat es wohl schon wilde Radrenn-Schlachten gegeben – gerade bei Hitze.

Für 2 Rad-Heroen aus den 50ern ist hier sogar ein Denkmal errichtet worden – Coppi und Bobet. Sie haben wohl an dieser Stelle, also dort, wo es richtig steil wird, mit ihren Antritten den Sieg am Izoard vorbereitet.

Für mich wird hier niemand ein Denkmal erstellen – aber immerhin kann ich hier endlich mein Gefährt wechseln und auf Kutsche mit Kutschenpferd umsteigen. Habe also gefunden, was ich auf dem steilen Postkutschenpfad am Tag 3 dieser Tour so vermisst habe…..Aber im Ernst: Der Kutscher erinnert mich doch zu sehr an einem Dementor (Harry Potter Fans wissen bescheid), als dass ich mich zu ihm auf den Bock setzen würde. Übrigens habe ich bei diesem Foto meinen schönen blauen Schal (meine „Klimaanage“) eingebüßt. Ich hatte ihn locker auf den Gepäcktaschen abgelegt und bin dann losgefahren, ohne ihn nochmal umzubinden….

Kurz vor Guillestre wird es dann mal richtig schluchtartig. Sowas hatte ich diesmal noch gar nicht. Hier das Tal des Guil, eines Nebenflusses der Durance.

Hier passt wirklich gerade noch so eine Straße durch. Zum Glück herrscht wenig Verkehr. Unten in Guillestre muss ich mich entscheiden, wie ich weiterfahre: Variante A: Über den Col de Parpaillon. Der ist eigentlich eingeplant und ein Gravel-Pass, den ich unbedingt einmal fahren wollte. Allerdings ist der Tunnel am oberen Ende gerade wegen Erdrutsch gesperrt. Da hätte ich mein Gepäck und das Rad wieder getrennt über eine 140 m hohe Kuppe rüberschleppen müssen. Variante B: Über den Col de Vars. Das ist ein normaler Straßenpass ohne große Schwierigkeiten….Ich beiße in den sauren Apfel und verzichte auf den Parpaillon. Die verrückte Aktion von Tag 10 steckt mir noch in den Knochen und da habe ich auch einiges an Zeit verloren. Also geht es den Col de Vars hoch.

Aber auf dieser Strecke wird mir dann nochmal so richtig vor Augen geführt, warum ich eigentlich eher auf die Gravel-Pässe ausweichen wollte. Was hier an Motorrad-Verkehr herrscht, geht echt auf keine Kuhhaut. Nicht falsch verstehen: Jeder hat natürlich das Recht, hier seinen Freizetaktivitten nachzugehen. Schließlich mache ich das ja auch. Aber mich hört man nicht schon aus 4 km Entfernung. Für manche ist das hier einfach ein geiles Kurvenfahren, bei dem ordenlich viel Lärm gemacht werden muss. Für Natur und Landschaft haben da nur die wenigsten ein Auge. Nur ganz wenige Motoradfahrer zockeln mit Gepäck gemütlich durch die Gegend. Für die meisten ist das hier Le Mans oder Monza.🤮 Ähnliches gilt übrigens für Trupps von Porsche- oder Ferrari-Fahrern die hier teilweise wie die Irren über die schmalen Alpenstraßen brettern. Einen Motorradfahrer scheint es heute auf der Strecke erwischt zu haben: Rettngshubschrauber im Einsatz und mir kam ein Abschleppauto mit zerlegtem Motorrad entgegen. Ehrlich: Mein Mitleid ist begrenzt.

Beim Col de Vars kommt dann noch dazu, dass kurz vor dem oberen Ende ein Skistation liegt, die nun wirklich den Preis für die hässlichste Berg-Architektur verdient hat. Die zeiht sich über mehrere Kilometer hin. Immerhin erstehe ich in einem Laden noch das letzte leckere Croissant und einen gut gekühlten O-Saft. Denn die Temperaturen sind immer noch über 35 Grad.

Und dann doch das Schöne im Hässlichen: Eine so originelle Sitzbank an einer Bushaltestelle habe ich bisher auch noch nicht gesehen…🙂

Hinter dem Skigebiet wird es dann endlich einsamer. Doch ein richtiger „Alpenpass“ sind diese letzten 3 km dann irgendwie doch nicht. Am Ende keine dynamischen Serpentinen, über die man sich z. B. am Izoard die letzten Höhenmeter über den felsigen Gebirgskamm heraufschraubt. Am Col de Vars schleppt sich die Straße eher träge wie eine endlose Gerade durch grüne Hügel hinweg, bis sie dann fast unbemerkt und völlig unspektakulär oben ankommt. Ich schleppe mich ähnlich träge bis nach oben….

Hier mein Gesamturteil zum Col de Vars: Eindeutig Daumen nach unten!🙂 Eigentlich hatte ich mir hier oben, kurz hinter dem Pass auf der Karte einen schönen Wild-Zeltplatz ausgeguckt. Doch auf dem Weg dorthin überholt mich ein Wohnmobl und macht sich dort breit…grrrrr. Also dann fahre ich doch runter ins Tal, da gibt es in St. Paul sur Ubaye einen kleinen Zeltplatz.

Die südliche Seite des Col de Vars ist jetzt das genaue Gegenteil der hässlichen Nordseite, die ich hinaufgefahren bin. Schöne Serpentinen, herrliche unberührte Landschaft. Hinunter ins Ubaye-Tal fährt man wie in eine andere Welt. Keine hässlichen Ski-Bunker, sondern ursprüngliche Dörfer.

Am Campingplatz gibt es dann mal wieder einen vernünftigen Picknick-Tisch, an dem das Kochen Spaß macht. Für Interessenten: Es gibt Merguez mit Paprika und CousCous….Das Vars für heute….🙂
Hi Uli,
so eine Merguez würde mir jetzt auch munden.
Guten Appetit und weiterhin eine gute Fahrt
LG
Michael
Huhu,
Eine abentheuerliche Reise und die Bank und das Holzpferd ein Highlight
Weiterhin gute Fahrt.
LG Rita
Hallo Uli,wiedereinmal beeindruckende Bilder und tolle Berichte.Ich mag die Motorrad fahrer auch nicht so.Außer auf dem Sachsenring😃
Die Bank ist auch sehr orginell.
Angenehmen Abend und eine ruhige Nacht.